Struktur


Aktenserien

Identifikation

Signatur : Ar 111

Entstehungszeitraum / Laufzeit : 1897-1947

Verzeichnungsstufe : Bestand

Umfang : 0.1 m


Kontext

Verwaltungsgeschichte / Biographische Angaben

Paul Pflüger wurde am 3. Januar 1865 in Rio Novo (Brasilien) geboren. Seine Jugendzeit verbrachte er in Zürich. Nach der Matura studierte er von 1883 bis 1887 Theologie und Philosophie in Basel, Lausanne und Zürich. Im Herbst 1887 wurde Pflüger, nach bestandenem Konkordatsexamen, als Pfarrer nach Dussnang TG berufen. In dieser Zeit löste er sich immer mehr vom kirchlichen Glauben, so dass er sich bald den Ruf eines "roten Pfarrers" erwarb und als solcher 1898 in die Arbeitergemeinde Zürich III (Aussersihl, Industriequartier) berufen wurde. In Zürich begann dann bald die politische Karriere Paul Pflügers. 1900 Mitglied des Kantonsrates, 1901 des Grossen Stadtrates, wurde er 1910 als Vorsteher des Armen- und Vormundschaftswesens in die städtische Exekutive gewählt, der er bis 1922 angehörte. Von 1911 bis 1917 gehörte er auch dem Nationalrat an. In der schwierigen Periode der Statutenrevision von 1911/12 war Paul Pflüger einer der Führer der Grütlianer, zwischen 1912 und 1914 deren Zentralpräsident. Gleichzeitig amtierte er als Vizepräsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, der er 1895 beigetreten war.

Der Publizist: Paul Pflüger hat ein ausgedehntes Schrifttum hinterlassen. In mehr als hundert Publikationen hat er sich mit den verschiedensten Fragen beschäftigt. Glaubensfragen, Jugendfragen, Arbeiterbildung, Alkoholismus, Prostitution, Militarismus, Boden- und Wohnungsfrage, Achtstundentag, Sozialversicherung, Wahlsystem, Grundlagen des Marxismus und Sozialismus: Kaum ein Gebiet aus der sozialen und geistigen Welt, das er nicht berührt hätte. Die Publikationen gewähren einen Einblick in seine geistige Entwicklung, wie dies bei fast keinem anderen Sozialdemokraten möglich ist.

Der Politiker: Politisch setzte sich Pflüger für den sogenannten Gemeindesozialismus ein. Als Hauptförderer einer entsprechenden Bewegung innerhalb des schweizerischen Sozialismus, war er wesentlich an der Organisation der "sozialdemokratischen Kommunaltage" beteiligt. Pflügers Sozialismus entwickelte sich aus dem Erschrecken über die Not der Welt. Dabei ging er nicht von der Verelendungs-, sondern von einer Gesundungstheorie aus. Mit Reformen auf kommunaler Ebene wollte er ein Stück Sozialismus verwirklichen und dabei den Lebensstandard schrittweise anheben. Der Idee eines revolutionären Umschwungs begegnete Paul Pflüger mit grösster Skepsis. Es erstaunt deshalb nicht, dass er sich in den frühen 20er Jahren als entschiedener Gegner der Dritten Internationale profilierte. Sein Nein zum Marxismus und zum Monopolanspruch der Partei begründete er mit seiner Abneigung gegen kirchliche Orthodoxie und Ketzerrichterei. Als Pragmatiker setzte Pflüger statt dessen auf die Synthese von individueller Freiheit und sozialer Gemeinwohlfahrt.

Der rastlose Gründer: Mit dem Selbstverständnis als evolutionärer Sozialist entfaltete Pflüger eine rastlose Tätigkeit. Sie führte zur Gründung zahlreicher Vereine und Institutionen, die das Los der Arbeiterklasse verbessern sollten. 1896 war er einer der Gründer der Zürcher "Volkshochschulkurse", ab 1897 gab Pflüger die "Socialwissenschaftliche Volksbibliothek" heraus, 1898 gründete er den "Zürcher Dienstbotenverein", 1899 den "Verein für Arbeiterbildungskurse", 1900 den "Jungburschenverein Aussersihl". 1906 erfolgte auf seine Initiative hin die Gründung der "Zentralstelle für soziale Literatur" (heute: Schweizerisches Sozialarchiv), im gleichen Jahr trat die "Akademisch-soziale Vereinigung" ins Leben, und 1915 erfolgte die Gründung des "Vereins für Familiengärten". Pflüger war daneben auch ein Pionier der Arbeitslosenversicherung sowie der Alters- und Invalidenversicherung, Vorkämpfer für eine kantonale Ombudsstelle und für die Emanzipation der Frauen. Als Stadtrat förderte er den kommunalen Wohnungsbau, reorganisierte das städtische Fürsorgewesen und baute die öffentlichen Dienste aus.

Pflüger war ein Mann der Tat. Zeitgenossen schildern ihn als charismatischen Arbeiterführer mit grosser Rednergabe, dem despotische Züge durchaus nicht fremd waren. Mit der Sozialdemokratischen Partei geriet er zunehmend in Konflikt. Sein Rücktritt aus dem Stadtrat (1922) war von unerfreulichen Umständen begleitet. Danach zog sich Pflüger aus dem öffentlichen Leben zurück. Er ist am 13. Dezember 1947 in seiner vertrauten Umgebung an der Gartenhofstrasse 10 in Zürich-Aussersihl gestorben.

zum AnfangInhalt und innere Ordnung

Form und Inhalt

Der Teilnachlass Paul Pflüger umfasst Unterlagen zur Person, Briefe (u.a. von Verena Conzett, Friedrich Wilhelm Foerster, Meinrad Lienert, Leonhard Ragaz, Robert Seidel), Nachrufe, Zeitungsartikel, Flugblätter und Karikaturen.

zum AnfangZugangs- und Benutzungsbedingungen

Zugangsbestimmungen

Der Bestand ist im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs ohne Benutzungsbeschränkungen einsehbar.

Sprache/Schrift

Unterlagen in deutscher Sprache

zum AnfangSachverwandte Unterlagen

Veröffentlichungen

Literatur:

Periodika:


Aktenserien

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Diverses

Ar 111.1Biographisches
Zeugnisse
Wahlanzeigen
Politischer Kampf in Flugblättern und Zeitungsartikeln, Ehrungen
Weisungen von Stadtrat Pflüger
Briefe: SP Stadt Zürich, SP Schweiz
Briefe: Verena Conzett, Friedrich Wilhelm Foerster, Meinrad Lienert, Leonhard Ragaz, Robert Seidel
Briefe chronologisch 1897-1945
Kondolenzschreiben, u.a. von Emil Klöti, Ernst Nobs, Oskar Pfister
Nekrologe
Zeitungsartikel mit Angaben über Paul Pflüger
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